Das Buch Holger: Heute vor allem als Nowitzki-Mentor bekannt, war Holger Geschwindner früher ein begnadeter Basketballer
Holger Geschwindner war in der Bundesliga eine prägende Figur der ersten Stunde. Annäherung an einen Menschen, den die Öffentlichkeit kennt, über den als Spieler aber kaum etwas bekannt ist.
Holger Geschwindner war in der Bundesliga eine prägende Figur der ersten Stunde. Annäherung an einen Menschen, den die Öffentlichkeit kennt, über den als Spieler aber kaum etwas bekannt ist.
Holger Geschwindner löst Probleme. Letzten Sommer in Straßburg zum Beispiel, vierzig Grad im Schatten, und wir hatten vergessen, wo das Auto stand. Keine Adresse, keine Anhaltspunkte. Nichts. Wir hatten keinen Stadtplan, kein Kleingeld, unsere Telefone waren tot. Wir hatten uns verlaufen, wir konnten noch nicht einmal französisch nach dem Weg fragen. Ich erinnerte mich an eine Statue, einen steinernen Fischer oder Neptun, Uli Ott erinnerte sich an ein grünes Tor am Ufer irgendeines Kanals, gleich neben irgendeiner kleinen Kirche ohne Namen.
Wir waren verloren.
Nur Geschwindner wusste, dass die Sonne steil gestanden hatte, als wir das Auto abstellten. Er wusste, dass es eine zweispurige Allee war, auf der wir parkten. Er erinnerte sich an die Spitze des Straßburger Münsters, die über die Dächer lugte, links davon ein anderer Kirchturm. Ein Schornstein weiter rechts, er war sich sicher. Geschwindner blinzelte in die Sonne, kalkulierte die Uhrzeit, berechnete unsere Position und navigierte uns dann durch den Nachmittag, ein Kapitän im Holzfällerhemd. Wir segelten durch die Gassen und über die Boulevards, und nach zwei Stunden Suche erreichten wir das Auto. Problem gelöst.
Taschen in den Kofferraum und los. Geschwindner fährt, bei Kehl überqueren wir die Grenze. Auf dem Weg Richtung Norden kehren wir zurück zum Thema Basketball. Die deutsche Nationalmannschaft hatte am Vorabend keine Chance gegen die Franzosen, und jetzt sind wir auf dem Weg nach Köln zum nächsten Spiel. Ich bin hier, um über Holger Geschwindners Spielerkarriere zu reden, aber das Gespräch treibt vom Spielsystem der Nationalmannschaft zu Dirk Nowitzki, wir reden über seine Anfänge und Zukunft, über deutschen Basketball im Allgemeinen. Im zähfließenden Verkehr zwischen Karlsruhe und Heidelberg analysieren wir die Schlager im Radio, Zeile für Zeile, Reim für fürchterlichen Reim, Machismen und Chauvinismen, Holger Geschwindner lacht sich kaputt, Tränen der Begeisterung laufen ihm über die Wangen.


Die Bundesliga wird 50 Jahre alt, und Geschwindner ist Spieler ihrer ersten Stunde, hunderte Bundesligaspiele hat er gespielt, 23 Jahre lang Basketball auf höchstmöglichem Niveau. Dazu 150 Einsätze für die Nationalmannschaft, die meisten davon als Kapitän. Weltklasseleistungen bei den Olympischen Spielen von München 1972. Vier deutsche Meisterschaften, Europapokalschlachten, Pokalsiege. Zu einer Zeit, als deutscher Basketball allenfalls halbprofessionell betrieben wurde – „Wir waren Selbstzahler bei Auswärtsfahrten“, sagt er jetzt. Das Spiel wurde in Schulturnhallen und auf Militärstützpunkten gespielt, selten vor Fernsehkameras und Öffentlichkeit, und Holger Geschwindner war der Smarteste und Fitteste aller ambitionierten Amateure.
Dass Holger Geschwindner Basketballspieler wurde, war eine Laune des Zufalls. Nachkriegskind, geboren im Winter 1945, Vater selbstständig in der Finanz- und Baubranche, Mutter Buchhalterin, der Sohn Schüler des Graf-Friedrich-Magnus-Alumnats in Laubach, Mittelhessen. Sein bester Freund war Karl Clausen, dessen Vater das Internat leitete. Theo Clausen hatte das Spiel beim Gründervater James Naismith in Springfield studiert und war einer der ersten Basketballenthusiasten Deutschlands. In den 1950er- und 60er-Jahren war Hessen eine Keimzelle des deutschen Basketballs, in den amerikanischen Kasernen und Armeesporthallen wurde gezockt, in der hessischen Basketballschule sprach man amerikanisches Englisch. Und Geschwindner immer mittendrin.
Theo Clausen baute in Laubach eine Halle und trainierte seine Schüler, und als Holger Geschwindner bei einem Spiel der Laubacher Schulmannschaft über hundert Punkte erzielte, stand Ernie Butler am Spielfeldrand. Butler war Lehrer an der amerikanischen Schule und Spieler beim MTV Gießen. „Es gab keine Diskussion“, sagt Butler heute, „natürlich wollten wir ihn haben.“ Butler fuhr den autolosen Teenager, den „stillen Jungen“, fortan zum Training und zurück. Meist habe er geredet, erinnert sich Butler, und der Junge habe zugehört, es sei um Basketball und Jazz und das Leben gegangen. Nach dem Training hätten sie immer gegeneinander gespielt, eins gegen eins, Gymnasiast Geschwindner sei wie ein Schwamm gewesen, und schon nach ein paar Wochen habe er nicht mehr gegen ihn gewinnen können.
Mit Geschwindner auf der kleinen Flügelposition gewann der MTV Gießen 1965 die erste deutsche Meisterschaft. High School Heidelberg, Holger passt zu Ernie und der versenkt den entscheidenden Wurf zum 69:68, aus zwölf Metern Entfernung. Geschwindner macht 16 Punkte. „Katapultstart“ schrieb das Basketball-Magazin Jahre später in einem Porträt.
In den folgenden Jahren waren Gießen und Geschwindner das Maß der Dinge im deutschen Basketball, mit den Nationalspielern Klaus Jungnickel, Bernd Röder und Coach Lazlo Lakfalvi, dauernd im Finale, noch zwei weitere Male Meister, ein Pokalsieg, Europapokalspiele gegen Simmenthal Mailand mit ihrem Teilzeit-Superstar und Oxford-Studenten Bill Bradley. Gegen Tel Aviv. Gegen Real Madrid, wo Geschwindner im Hinspiel 26 und im Rückspiel 27 Punkte machte. Er studierte in Gießen Mathematik und Physik, gewann Basketballspiele und spazierte durch die Stadt, ein bunter Hund mit Talent für Logik und Aberwitz. Nach den Spielen feierte das Team im Keller von Geschwindners Eltern rauschende Feste, die Gegner waren ebenfalls geladen, alle kannten sich, die Basketballwelt war winzig.

Holger Geschwindner ist ständig unterwegs, kreuz und quer durch Deutschland, er telefoniert dabei, denkt nach, plant, hält seine Konferenzen ab. Es gibt immer ein Ziel: das nächste Spiel, der nächste Flughafen, die nächste Idee, die nächste Geschichte. Geschwindner kennt sich aus mit deutschen Autobahnen, mit Herdentrieb und dezentralisierten Netzwerkstrukturen, wir umfahren einen Stau bei Philippsburg. Wenn Dirk Nowitzki an seinen Freund denkt, denkt er an „Holger am Steuer seines Kombis. Holger muss immer selbst fahren, er ist ein miserabler Beifahrer.“

Als wir Frankfurt passieren, kommt das Gespräch doch noch auf Holger Geschwindners Spielerzeit. Im Herbst 1968 wurde der Perspektivkader für die nächsten großen Aufgaben des deutschen Basketballs publiziert, die sogenannte Kartak-Liste. 50 Spieler, drei große Turniere: Europameisterschaften, Olympische Spiele. Der Pragmatiker Geschwindner wechselte 1969 nach München, Ernie Butler war jetzt sein Coach. Das Münchner Team spielte schnellen, offensiven Basketball, ganz wie es Geschwindner am liebsten war. „Dieses Team ist gerannt, gerannt, gerannt“, erinnert sich Butler, „aber zum Rennen brauchten sie den Ball, also haben sie verteidigt und gereboundet.“
Geschwindner rannte, studierte, wohnte in WGs, trug einen Afro und düste mit einem Porsche durch das München der 70er-Jahre. Die Olympischen Spiele standen jetzt vor seiner Haustür, ein großer Traum, ein großes Ziel. Als erster Athlet bezog er das Olympische Dorf, war nach Norbert Thimm zweitbester Werfer und sah sich in jeder freien Minute jede erdenkliche andere Sportart an. Wie der Kran von Schifferstadt den 400-Kilo-Ami schulterte! Was für ein unfassbar komischer Kerl der russische Gewichtheber Wassili Alexejew war, und was für ein Ochse! Die Trainingsanzüge damals, hellblau, seinen hat er heute noch! Enthusiasmus und Erinnerungen vermischen sich, das Hessische klingt immer noch durch. Wieder lacht Geschwindner Tränen der Begeisterung. Stricknadelboxen! Affentennis! Heide Rosendahl und die 4x100-Meter-Staffel! Wenn man Holger Geschwindner von München ’72 erzählen hört, versteht man, warum die Olympischen Spiele eine derartige Bedeutung für Dirk Nowitzki haben. Der Kombi wird vor Freude langsamer und langsamer, wir schleichen über die linke Spur, die anderen Fahrer lichthupen, und erst als Geschwindner vom Münchner Attentat und den Folgen zu erzählen beginnt, geht es wieder voran.
In München spielte Geschwindner sieben Jahre, danach folgten Stationen beim 1. FC 01 Bamberg, beim ASC 1846 Göttingen und beim BSC Saturn Köln (wo er die Datenverarbeitung für das junge Elektro-Unternehmen übernahm). Deutsche Basketballer waren Studenten oder hatten normale Jobs, trainiert wurde abends. Geschwindner arbeitete in der Psychiatrie des Max-Planck-Instituts, später beriet und strukturierte er Firmen um, danach stand er in der Halle. Zuletzt spielte er wieder in Bamberg, wo er 1987 sein letztes Bundesligaspiel bestritt. Noch mit 47 trat er für Eggolsheim in der Regionalliga an, im Dezember 2015 wird er 70, bis vor ein paar Jahren konnte er noch dunken. Irgendwann lief ihm nach einem Spiel der junge Dirk Nowitzki über den Weg. Beobachtet man die beiden heute bei der Arbeit, blitzt Geschwindners Fitness immer noch auf. Die Jugendlichen, mit denen er fast täglich in der Halle steht, schlägt er immer noch im Eins-gegen-eins.
Wenn man heute mit seinen alten Mitspielern und Trainern über Holger Geschwindners Spielweise spricht, erzählen sie Anekdoten der Waghalsigkeit, der Unkonventionalität und des Draufgängertums. Von Freiheit und Spiel und Freude am Risiko. Wie Holger bei einem Eins-gegen-null-Korbleger abdreht und dem Coach zuruft, dass ihm das zu einfach sei, und dann stattdessen den Dreier nimmt und trifft. Vom Mut zu scheitern. Wie sehr ihm Mittelmaß widerstrebt, Routine um der Routine willen. Von der Wichtigkeit der sportlichen und intellektuellen Herausforderung. Dass Holger Geschwindner keine Nerven kannte, sondern besser spielte, je wichtiger das Spiel war. In Europa. Gegen Weltklassespieler. Auswärts. „Uncoachbar“ sagen die einen, „Wahnsinnig“ die anderen, aber alle grinsen dabei voller Nostalgie. Sie erzählen von Selbstbewusstsein und Talent, Handwerkszeug und Improvisation. Wie hoch Geschwindner gesprungen ist! Sein Ballhandling! Seine Berechnungen! Wie tief er das Spiel taktisch und intellektuell durchdrungen, wie früh er seine eigene Philosophie formuliert habe.


Holger Geschwindner ist ein Buch. In der Literaturwissenschaft galt lange Jahre der Grundsatz, dass ein Werk losgelöst von der Vita seines Verfassers zu denken sei. Bei Holger Geschwindner jedoch sind Werk und Vita nicht zu trennen, am Telefon meldet er sich immer mit „Hier bei der Arbeit“. Die Idee seines Spiels ist die Idee seines Lebens.
Handwerkszeug. Können. Improvisation. Langfristiges Denken als zivilisatorischer Akt. Das Streben nach Exzellenz. Spiel. Witz. Unfug. Die Suche nach guten und großen und wahren Geschichten.
Zum Beispiel: Wie Holger Geschwindner bei vierzig Grad unter null in den Karpaten Wölfe jagt und sich Flöhe einfängt. Wie er seinen Coach am Ende der Saison fragt, wann die Vorbereitung auf die neue Spielzeit beginne, und wie er in seinen Porsche springt, als der Trainer „4. August“ antwortet, zum Bahnhof fährt, ab nach Moskau, dann die Transsibirische Eisenbahn, Viererabteil, und wie sie wochenlang aus dem Fenster auf das vorbeirauschende Russland blicken, Baikalsee und Steppe, sich abwechselnd Tolstois „Krieg und Frieden“ vorlesen, dann China, dann Japan, dann amerikanische Westküste. Wie sie in Kalifornien für ein paar hundert Dollar einen Bus kaufen und einmal quer durch die USA düsen. Wild Turkey in Indianapolis, Jazz in Detroit, ein Bier in New York, dann pünktlich zum Trainingsbeginn wieder Europa. Die Saison in Australien. Oder: Wie er sich aus reiner Neugier auf eine Skisprungschanze gestellt hat, zwei zu kurze Skier, eine überschlägige Risikoberechnung: und los! Seilbahnbau in den Alpen! Die Sache mit der Pekannussfarm in Columbus, Mississippi! Rilke-Gedichte im Geschützturm eines Panzers, Kleist im VW-Bus Richtung Afghanistan, Heidegger in Kathmandu.
Die Fahrt ist lang, aber sie fühlt sich kurz an. Es ist nicht leicht, mit Holger Geschwindner über Holger Geschwindner zu sprechen, aber ist man einmal eingestiegen, ist es eine große Freude. Geschwindner will nicht im Vordergrund stehen, aber man macht es sich viel zu einfach, wenn man ihn auf den Hintergrund reduziert. Auf die Zusammenarbeit mit Dirk Nowitzki. Auf Basketball überhaupt. Dazu hat der Mann zu viel zu erzählen. Tausend Geschichten gibt es zu berichten, damals wie heute, tausend Probleme gilt es zu lösen.