„Die haben alle geraucht“ - Göttingens Trainerlegende Terry Schofield im Interview
Göttingens Trainerlegende Terry Schofield im Interview mit Horst Schneider über seine illustre Laufbahn
Göttingens Trainerlegende Terry Schofield über Gangs in South Central, gelbe Raucherfinger und Kneipentouren in Bamberg.
Terry, wie kamst du als dreifacher NCAA-Champion ausgerechnet nach Göttingen?
Terry Schofield: Ich habe nach dem Studium als Lehrer in South Central, Los Angeles unterrichtet. Der Job in diesem von Gangs und Kriminalität geprägten Stadtteil sagte mir aber überhaupt nicht zu. Deshalb entschloss ich mich, ein Basketball-Engagement in Europa anzutreten. Mein Freund John Ecker, der in Leverkusen spielte, schlug Göttingen vor. Meine Mutter suchte es im Atlas und stellte fest, dass es nur 15 Kilometer entfernt vom Eisernen Vorhang liegt. "Da lasse ich dich nicht hin. Was ist, wenn die Russen einmarschieren", sagte sie, aber ich bin trotzdem hin.
Das war in Deutschland nicht gerade die erste Basketball-Adresse …
Aber der Klub benötigte dringend Verstärkung und John sagte mir, dass ich eine Wohnung und ein Auto dazu kriegen würde. Zehn Minuten später bekam ich einen verzweifelten Anruf aus Göttingen: „Wir haben unser erstes Saisonspiel gegen Hagen mit 50 Punkten verloren, hatten Probleme, den Ball überhaupt über die Mittellinie zu bekommen. Könnten Sie den Ball sicher nach vorne bringen – für 600 Mark im Monat?“ Da habe ich meinen Flug gebucht und landete in einer 20 Quadratmeter großen Kellerwohnung, ohne Fernsehen, ohne Telefon, und ich sprach kein Wort Deutsch.
Aber die neuen Mitspieler konnten doch Englisch?
Das schon, aber sie konnten nicht Basketball spielen. Außerdem haben die alle geraucht, Selbstgedrehte oder Roth-Händle, sogar in der Halbzeit. Die hatten alle gelbe Finger vom Rauchen. Ich musste alles machen, die Rebounds holen, den Ball nach vorne bringen und hatte am Saisonende einen Saisonschnitt von mehr als 36 Punkten.
Hat das Spaß gemacht?
Ja, total. Ich kam zwar aus einer ganz anderen Situation, hatte bei UCLA mit Kareem Abdul-Jabbar drei Mal die College-Meisterschaft gewonnen und dort zuletzt sogar in der ersten Fünf gespielt. Aber das war alles sehr professionell und es ging nur noch um den Erfolg. In Göttingen dagegen herrschte eine viel persönlichere Atmosphäre in der Mannschaft. Diese Kameradschaft war eine neue Erfahrung für mich und brachte mir den Spaß am Basketballspielen zurück.

Nur mit Kameradschaft konnte man aber nicht Deutscher Meister werden?
Zum Glück hatten wir damals einige gute Nachwuchsspieler in Göttingen, die ich trainieren konnte. Als ich hörte, dass 15 Kilometer um die Ecke in Waake ein 2,04 Meter großer 14-Jähriger im Fußball-Tor stand, bin ich sofort ins Auto gesprungen und habe Armin Sowa überredet, Basketball zu spielen. Ecki Lodders habe ich in der Göttinger Fußgängerzone angesprochen, als er 15 Jahre alt war: „Can you play Basketball?“ Und Dirk Weitemeyer und Sebastian Brunnert haben wir von der BG Göttingen geklaut, was uns nie verziehen wurde.
https://www.youtube.com/watch?v=qeF5Mpu8WBI
Also war der Wechsel ins Traineramt 1977 fließend?
Ich war schon als Spieler so etwas wie ein halber Trainer in der Mannschaft. Walther Meyer, damals noch unser Trainer und bis zu seinem Tod mein bester und liebster Freund, bezog mich von Anfang an stark in die Planungen mit ein. Da war es logisch, dass ich nach dem Ende meiner aktiven Karriere Cheftrainer der Mannschaft wurde. Und ich bekam auch ein für damalige Verhältnisse fürstliches Angebot: 2.000 Mark im Monat. Dazu wurde an der Uni eine Stelle als Lektor frei, wofür ich 4.000 Mark erhielt.
Wie oft wurde trainiert?
Eigentlich nur ein Mal pro Woche, aber wir hatten zusätzlich auch schon eine Videoanalyse! Das war ganz neu. Außerdem schickte ich die Spieler ein Mal in der Woche zu einem Konditionstraining. Ich glaube, das war mit ein Geheimnis für unsere erste Meisterschaft. Wir waren wirklich fit. Entscheidend für den Erfolg war aber letztlich die konsequente Verjüngung der Mannschaft und dass wir uns Schritt für Schritt mit Spielern wie Erhard Apeltauer, Holger Geschwindner und Bob Peters verstärkt haben.
Gerade Deutsch-Amerikaner wie Bob Peters machten damals den Unterschied aus. Wie hast du Peters gefunden?
Ich habe 1326 Luftpost-Briefmarken gekauft und bei allen College-Trainern in den USA per Brief angefragt, ob sie deutschstämmige Spieler haben. Und der Trainer von Peters rief mich tatsächlich an. So kam Peters nach Göttingen, wo ihm Manager Bernd Janke noch eine Stelle als Hilfskraft an der Uni vermittelte. Die Sponsorensituation in Göttingen war damals katastrophal; dass wir trotzdem Meister wurden, war eine Sensation.
Nach dem finanziellen Aus in Göttingen ging es nach Bamberg – eine große Umstellung?
Die Mentalität in Süddeutschland war schon ganz anders als das, was ich aus Göttingen kannte. Dort hatten wir alles per Handschlag geregelt, in Bamberg aber war alles viel professioneller. Die legten mir erst einmal einen 26-seitigen Vertrag vor, in dem jede Kleinigkeit geregelt war. Trotzdem gab es jede Woche ein neues Problem. Da wurde mir in meiner ersten Saison sogar mit Kündigung gedroht, weil ich nach einem Sieg mit durch die Kneipen gezogen bin. In Göttingen war das nie ein Problem. Sportlich aber lief es gut in Bamberg, und ich hatte rückblickend auch eine schöne Zeit. Wir gewannen 1992 den Pokal und standen 1993 im Finale gegen die übermächtigen Leverkusener.
Terry Schofield, der von 1980 bis 1983 auch Bundestrainer war und die Qualifikation für die später aus politischen Gründen geplatzte Olympia-Teilnahme in Moskau schaffte, beendete seine Trainerlaufbahn, nachdem er 1994 während eines Spiels in Ulm mit Kreislaufproblemen an der Seitenlinie zusammengebrochen war. Er genießt jetzt mit seiner Familie wieder in der Nähe von Göttingen seinen Ruhestand.